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Wichtigste Erkenntnisse (Key Takeaways)
- Design-Philosophie: Die Lofree Flow84 kombiniert die Ästhetik von Apple mit der Haptik einer Premium-Mechaniktastatur.
- Innovatives Tippgefühl: Dank der einzigartigen Gasket-Mount-Bauweise im Low-Profile-Format bietet sie ein außergewöhnlich weiches und angenehmes Schreibgefühl.
- Eingeschränkte Anpassbarkeit: Die Software-Optionen und die physische Ergonomie sind fixiert – ein Ansatz, der stark an Apples “Friss oder stirb”-Mentalität erinnert.
- Mobilität: Trotz des massiven Aluminiumgehäuses bleibt die Tastatur kompakt genug für den mobilen Einsatz.
- Zielgruppe: Ideal für Mac-Nutzer, die das flache Profil lieben, aber nicht auf mechanisches Feedback verzichten wollen.
Die Lofree Flow84 markiert eine interessante Episode in der Beziehung vieler Nutzer zu mechanischen Tastaturen. Man könnte sie treffend als genau die mechanische Tastatur beschreiben, die Apple bauen würde – aus einer Mischung von guten und fragwürdigen Gründen.
Sie gehört zu einer relativ neuen Gattung von Low-Profile-Tastaturen (Tastaturen mit flachem Profil), ein Konzept, das noch vor wenigen Jahren wie ein Widerspruch in sich wirkte. Doch bevor wir in die Details dieses spezifischen Modells eintauchen, ist es essenziell, die technologische Basis zu verstehen.
Was definiert eine mechanische Tastatur eigentlich?
Da Chiclet-Tastaturen (Insel-Tastaturen) im Apple-Stil heute den Markt dominieren, kennen viele jüngere Mac-Nutzer oft keine Alternativen mehr. Ein technischer Vergleich ist daher notwendig, um den Mehrwert der Flow84 zu verstehen.
Der Unterschied zur Scherenmechanik (Scissor Switch)
MacBook-Tastaturen und die verschiedenen Apple Magic Keyboards basieren auf ultraflachen Tastenkappen, die auf einem zweiteiligen Scherenmechanismus sitzen. Dieser Mechanismus sorgt für die Federung und drückt die Taste nach der Betätigung wieder nach oben.
Diese Bauweise bietet zwei Hauptvorteile:
- Geräuschkulisse: Sie ist sehr leise im Betrieb.
- Bauhöhe: Sie benötigt extrem wenig vertikalen Platz, was ultraflache Laptop-Designs ermöglicht.
Allerdings bringen Scherentastaturen signifikante Nachteile mit sich. Das größte Defizit ist das fehlende haptische Feedback. Der Tastenhub (der Weg, den die Taste zurücklegt) ist minimal, oft nur ca. 1 Millimeter. Aus einer taktilen und akustischen Perspektive empfinden viele Vielschreiber dies als unbefriedigend. Das “Bottoming Out” (das Durchschlagen der Taste auf den Boden) erfolgt fast sofort, was bei langen Schreibsessions die Fingergelenke belasten kann.
The Lowfree Flow84 is the mechanical keyboard Apple would make
Die Überlegenheit mechanischer Schalter
Hier kommen mechanische Tastaturen ins Spiel. Diese nutzen robustere Schalter (Switches) unter jeder einzelnen Taste mit einem deutlich längeren Tastenhub (oft 3 bis 4 Millimeter bei Standardgrößen). Je nach Art des verwendeten Schalters variiert das Feedback:
- Clicky (Klickend): Erzeugt ein hörbares Klicken und spürbares Feedback beim Auslösen (z.B. Cherry MX Blue).
- Tactile (Taktil): Bietet einen spürbaren Widerstand am Auslösepunkt, aber ohne lautes Klicken (z.B. Cherry MX Brown).
- Linear: Drückt sich ohne Widerstand oder Klicken gleichmäßig bis zum Boden durch (z.B. Cherry MX Red).
Fans mechanischer Tastaturen bevorzugen die größere physische Bewegung sowie die absolute Gewissheit durch taktiles und hörbares Feedback, dass ein Tastendruck registriert wurde. Diese Kombination führt oft zu einer höheren Präzision und – so widersprüchlich es klingen mag – zu schnelleren Schreibgeschwindigkeiten. Zudem bieten die meisten mechanischen Tastaturen nahezu unendliche Anpassungsmöglichkeiten bei Tastenkappen (Keycaps) und Schaltern.
Die Evolution der Low-Profile-Tastaturen
Lange Zeit mussten sich Nutzer zwischen zwei Extremen entscheiden:
- Dem flachen Profil und kompakten Layout, aber schlechten Tippgefühl einer Scherentastatur.
- Dem großartigen Gefühl, aber der wuchtigen physischen Größe und Höhe einer mechanischen Tastatur.
Die Industrie hat versucht, die Breite und Tiefe mechanischer Tastaturen durch verschiedene Layout-Optionen zu reduzieren. Eine Vollformat-Tastatur (100%) besitzt über 100 Tasten, inklusive Nummernblock und Funktionstasten.
Im Laufe der Zeit entstanden kompaktere Optionen:
- TKL (Tenkeyless): Ohne Nummernblock.
- 75% & 65%: Komprimierte Layouts, bei denen Navigationstasten näher an das Hauptfeld rücken.
- 60% & 40%: Minimalistische Layouts, die stark auf Tastenkombinationen setzen.
Das Problem der Höhe blieb jedoch lange ungelöst. Erst in den letzten Jahren gelang es Herstellern wie Kailh und Gateron, mechanische Schalter zu entwickeln, die flach genug sind, um schlanke Gehäuse zu ermöglichen, ohne dabei das charakteristische mechanische Gefühl zu opfern. So wurde die Kategorie der Low-Profile-Tastaturen geboren.
Analyse der Lofree Flow84
Die hier getestete Lofree Flow84 leitet ihren Namen von den 84 Tasten ab. Es handelt sich um ein 75%-Layout. Das bedeutet, sie verfügt über Funktions- und Navigationstasten, verzichtet jedoch auf den numerischen Ziffernblock (für Nutzer, die diesen benötigen, existiert eine Flow100-Version).
Design und Ästhetik
Der erste Grund für den Vergleich mit Apple liegt in der Optik: Das Design ist absolut minimalistisch und ästhetisch ansprechend. Die Tastatur ist in Schwarz oder Weiß erhältlich. Betrachtet man die weiße Version neben Apples Magic Keyboard, ist die Familienähnlichkeit unverkennbar.
Vergleich mit Apple Magic Keyboard auf dem Schreibtisch
Der Farbton ist ein leichtes Off-White, nicht ganz so cremig, wie es unter manchen Lichtverhältnissen wirken mag, aber sehr elegant. Das Low-Profile-Design wird besonders deutlich, wenn man das Gerät von der Seite betrachtet.
Ein markantes Merkmal ist das Branding-Plättchen in Kupferoptik. Dies ist ein Element, das man entweder liebt oder hasst. Für Puristen mag es störend wirken, aber es ist dezent genug, um nicht aggressiv zu erscheinen. Dasselbe gilt für die farblich abgestimmten Standfüße.
Seitenansicht der Tastatur mit Fokus auf das schlanke Profil
Die Tasten verfügen über eine Hintergrundbeleuchtung. Viele Nutzer, die am Desktop arbeiten, verwenden diese selten, aber sie ist vorhanden. Die Steuerung der drei unterstützten Bluetooth-Verbindungen sowie der Helligkeit erfolgt über Tastenkombinationen (Shortcuts).
Ermöglicht wird das flache Design unter anderem durch sehr flache Tastenkappen:
Nahaufnahme der flachen Tastenkappen und Schalter
Dies führt zu einer Einschränkung: Man kann nicht einfach beliebige Tastenkappen-Sets von Drittanbietern kaufen, wie es bei Standard-Switches der Fall ist. Lofree bietet jedoch selbst eine breite Palette an Optionen an, die preislich bei etwa 50 Euro pro Set liegen. Das ist etwas teurer als Standard-Sets, aber für die gebotene Qualität (PBT-Kunststoff mit Dye-Sublimation-Druck, der sich nicht abnutzt) angemessen.
Anpassungsmöglichkeiten (Customization)
Normalerweise würde nach der Optik direkt die Haptik folgen. Doch hier stoßen wir auf spezifische Einschränkungen, die den Vergleich mit Apple untermauern.
Einer der Hauptvorteile mechanischer Tastaturen ist ihre Modularität:
- Gefällt der Look nicht? Tauschen Sie die Keycaps.
- Gefällt das Tippgefühl nicht? Wechseln Sie die Switches.
Lofree bietet zwar viele Keycap-Optionen, aber bei den Switches wird es komplizierter. Die Tastatur verwendet spezielle Kailh-Switches. Diese sind qualitativ exzellent, aber wer Cherry-MX-Low-Profile bevorzugt, hat hier keine Option.
Ein gravierenderer Punkt ist die Kopplung von Farbe und Schaltertyp beim Kauf.
- Weiße Tastatur: Wird zwangsweise mit “Ghost” Switches (Linear) geliefert.
- Schwarze Tastatur: Wird zwangsweise mit “Phantom” Switches (Taktil) geliefert.
Es gibt keine Möglichkeit, dies bei der Bestellung zu konfigurieren. Wer eine weiße Tastatur mit taktilen Schaltern möchte, muss diese separat für zusätzliche 59 Dollar erwerben. Das spiegelt exakt die “Du bekommst, was wir für dich auswählen”-Haltung wider, die man oft bei großen Tech-Giganten aus Cupertino findet.
Dasselbe gilt für die Firmware. Die meisten modernen mechanischen Tastaturen unterstützen Software wie QMK oder VIA, mit denen man jede Taste neu belegen kann. Wollen Sie “Bild auf” und “Bild ab” an einer anderen Stelle? Kein Problem bei QMK. Bei der Flow84 ist dies jedoch unmöglich. Es gibt null Remapping-Fähigkeiten.
Auch die Ergonomie ist fixiert. Die Standfüße bieten keine Verstellmöglichkeiten. Die Tastatur hat einen festen Winkel. Dieser ist zwar ergonomisch gut gewählt, lässt dem Nutzer aber keine Wahl.
Haptik und Tippgefühl (Feel)
Trotz der Einschränkungen bei der Anpassung glänzt die Tastatur in ihrer Kerndisziplin. Die Verarbeitungsqualität ist hervorragend. Das Gehäuse besteht vollständig aus Aluminium, was sich massiv und wertig anfühlt. Haptik und Finish sind definitiv auf Apple-Niveau.
Die “Ghost”-Switches der weißen Version sind linear. Das bedeutet, sie haben keinen spürbaren Druckpunkt vor dem Auslösen. Für Nutzer, die klickende Schalter gewohnt sind, mag dies zunächst ungewohnt sein.
Lofree bewirbt diese Schalter als Garanten für das “geschmeidigste Tipperlebnis”, und diese Behauptung ist nicht übertrieben. Das Gefühl ist butterweich.
Ein technisches Detail, das in vielen Reviews zu kurz kommt, aber essenziell ist: Die Lofree Flow84 ist eine der ersten Low-Profile-Tastaturen mit Gasket Mount (Dichtungsmontage). Dabei ist die Platine nicht fest mit dem Gehäuse verschraubt, sondern zwischen Dichtungsschichten eingeklemmt. Dies entkoppelt das Tippgeräusch vom Metallgehäuse und sorgt für:
- Ein weicheres Aufprallgefühl beim Tippen.
- Einen tieferen, angenehmeren Klang (oft als “Thock” bezeichnet) statt eines hohen Klapperns.
Selbst nach Wochen der Nutzung bleibt das Gefühl “seidig”. Es gibt genug auditives Feedback für präzises Tippen, aber die Geräuschkulisse ist so gedämpft, dass sie auch in ruhigen Büros nicht stört.
Lösung des Mobilitäts-Dilemmas
Für viele Nutzer ist die Beziehung zu mechanischen Tastaturen eine On-Off-Beziehung.
- Plus: Besseres Tippgefühl, höhere Geschwindigkeit, weniger Ermüdung.
- Minus: Traditionell sind sie riesige, schwere Klötze, die man auf Reisen ungern mitschleppt.
Die Flow84 löst dieses Problem elegant. Mit Abmessungen von ca. 31,75 cm x 12,7 cm x 2,5 cm und einem Gewicht von etwa 590 Gramm (1,3 Pfund) ist sie kompakt genug für den Rucksack. Auf dem Schreibtisch nimmt sie kaum mehr Platz ein als ein Magic Keyboard.
Die Akkulaufzeit liegt bei etwa 40 Stunden. Das ist im Vergleich zu einer Logitech MX Keys (die Monate halten kann) wenig, aber für eine mechanische Tastatur mit Beleuchtung akzeptabel. Ein wöchentlicher Laderhythmus reicht völlig aus.
Der ständige Wechsel zwischen einer mechanischen Tastatur im Homeoffice und einer Laptoptastatur unterwegs kann ermüdend sein, da sich das Muskelgedächtnis immer wieder umstellen muss. Da die Flow84 portabel genug ist, kann sie als ständiger Begleiter dienen, was ein konsistentes Tipperlebnis überall ermöglicht.
Preisgestaltung und Markteinordnung
Die Lofree Flow84 kostet regulär 159 Dollar, ist aber oft günstiger erhältlich (ca. 139 Dollar). Beim Preisvergleich ist Vorsicht geboten: Es existiert auch eine “Flow Lite”-Version aus einem Kunststoff-Aluminium-Mix, die günstiger, aber haptisch nicht identisch ist.
Es gibt günstigere Alternativen auf dem Markt, wie etwa die NuPhy Air75 (ca. 120-135 Dollar). Die NuPhy ist ebenfalls exzellent, wirkt aber durch ihr Design etwas “spielerischer” und weniger minimalistisch.
Wer die “Apple-mäßigste” mechanische Tastatur sucht, kommt an der Lofree Flow84 nicht vorbei. Sie sieht in einem Mac-Setup wie ein natives Zubehörteil aus.
Natürlich wären Auswahlmöglichkeiten bei den Switches während der Bestellung wünschenswert. Auch Software-Remapping fehlt schmerzlich für Power-User. Aber wer eine Tastatur sucht, die ästhetisch perfekt passt und ein überragendes Schreibgefühl “Out of the Box” bietet, wird die Investition und die Einschränkungen akzeptieren.
Update: Das Modell Flow 2
Mittlerweile hat Lofree auch das Modell Flow 2 eingeführt. Eine interessante Variante ist hierbei die 68-Tasten-Version (ohne dedizierte Funktionstastenreihe) für 139 Dollar.
Das Alleinstellungsmerkmal (USP) dieses Modells ist ein berührungsempfindlicher Schieberegler (Touch Slider) am rechten Rand.
- Standard: Regelt die Lautstärke.
- Mit Fn-Taste: Regelt die Bildschirmhelligkeit.
Da dies die zwei häufigsten Anwendungen der F-Tasten-Reihe sind, macht dieses Feature den Verzicht auf die physische F-Reihe praktikabel und ermöglicht ein noch kompakteres Design.
Lofree Flow 2 mit 68 Tasten und Touch Slider
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist die Lofree Flow84 vollständig mit macOS kompatibel?
Ja, die Tastatur ist vollständig kompatibel. Sie verfügt über die entsprechenden Mac-Tastenbelegungen (Command, Option) und die Funktionstasten arbeiten wie erwartet (sofern nicht anders konfiguriert). Ein Schalter an der Seite erlaubt den Wechsel zwischen Mac- und Windows-Modus.
Eignet sich die Tastatur auch für Gaming?
Bedingt. Die Latenz über Bluetooth ist für kompetitive Shooter möglicherweise zu hoch. Für Casual Gaming oder Singleplayer-Spiele ist sie jedoch völlig ausreichend. Im kabelgebundenen Modus (USB-C) ist die Latenz kein Problem. Die linearen “Ghost”-Switches eignen sich aufgrund ihrer schnellen Auslösung gut für Spiele.
Wie laut ist die Lofree Flow84 im Vergleich zu normalen mechanischen Tastaturen?
Sie ist deutlich leiser. Dank der Gasket-Mount-Bauweise, der Schaumstoffdämmung im Inneren und der hochwertigen Schmiermittel ab Werk erzeugt sie ein tiefes, sattes Geräusch (“Thock”), das weder hochfrequent noch störend laut ist. Sie ist “bürotauglich”.
Kann ich die Switches später austauschen (Hot-Swap)?
Ja, die Lofree Flow84 ist Hot-Swappable. Sie können die mitgelieferten Schalter herausziehen und gegen andere kompatible Low-Profile-Switches von Kailh austauschen. Beachten Sie jedoch, dass normale (hohe) MX-Switches nicht passen.
Wie lange dauert das Aufladen des Akkus?
Das vollständige Aufladen des Akkus dauert über den USB-C-Anschluss etwa 3 Stunden. Die Tastatur kann während des Ladens weiterverwendet werden.
Quellenverweise
- Lofree Official: Lofree Flow Mechanical Keyboard Product Page
- Kailh Switches: Kailh Low Profile Switch Technology
- NuPhy: NuPhy Air75 V2 Low Profile Keyboard
- 9to5Mac: Original Review of Lofree Flow84
